Überlegungen zur aktuellen Debatte rund um Hundebisse

von Amelie Göschl

15. Jänner 2019

Relevanz:

Hundebisse können in einer Vielzahl an physischen wie psychischen Problemen resultieren.1,2  Manche Opfer benötigen rekonstruktive Chirurgie in Folge eines Hundebisses und oftmals bereiten Narben und Entstellungen lebenslange Erinnerungen und Belastungen. Auch ein posttraumatisches Stresssyndrom ist ein Thema, das 54,55 % der Opfer bis zu neun Monate nach dem Vorfall belasten kann. Neben den Auswirkungen auf Opfer und Familienangehörige haben Zwischenfälle dieser Art auch schwerwiegende Folgen für den Hundehalter und ins Besondere für das Tier.

Darüber hinaus verursachen Hundebisse auch beachtliche finanzielle Kosten. Im Jahr 2013 etwa machten Hundebisse ein Drittel der Ansprüche auf Haftpflichtversicherungen in den USA aus. Die jährlichen Gesamtkosten werden dort auf 438 Mio. Dollar geschätzt, wovon mindestens 170 Mio. für die medizinischen Kosten aufgewendet werden.

Mediale Aufmerksamkeit:

Im Herbst 2018 ereigneten sich in Wien zwei Hundeangriffe auf Kleinkinder mit schwerwiegenden Folgen. Diese tragischen Vorfälle heizten die Debatte um Hundehaltung in Wien erneut an und resultierten in der Forderung einer Neuauflage des Wiener Tierhaltergesetzes. Im Zentrum dieser Novelle stehen unter anderem strengere Strafen bei Missachtung des Tierhaltergesetzes, sowie strengere Auflagen für das Führen von Listenhunden im öffentlichen Raum, wie z.B. eine generelle Leinen und Maulkorbpflicht und eine Alkoholgrenze von 0,5 Promille.

Bei genauerem Betrachten der Sachlage stellt sich allerdings die Frage, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen die richtigen sind um Bissverletzungen effizient zu reduzieren.

Risikofaktoren:

Untersuchungen von Vorfällen zwischen Kindern und Hunden haben gezeigt, dass in 73% -78% der Fälle das Opfer und der Hund einander bekannt waren und es sich in 30% der Fälle um das eigene Haustier handelte.6,7 Diese Ergebnisse gehen einher mit älteren Studien, die belegt haben, dass Hunde bekannte Personen am öftesten beißen.8,9 Der Großteil der Zwischenfälle findet im häuslichen Umfeld statt, so wurden 90 % der Kinder unter 4 Jahren zu Hause gebissen.10,11,12

Situationen in denen es zu Zwischenfällen zwischen Kindern und Hunden kommt, waren ebenfalls im Fokus diverser Untersuchungen. Diese ergaben, dass es vor allem im Zuge von Interaktionen zwischen Kind und Hund zu Hundebissen kam: 28% der Vorkommnisse ereigneten sich beim Spielen mit dem Hund, 14 % beim Vorbeigehen, 10% beim Umarmen und Streicheln, 8% beim Füttern 2% am Schwanz ziehen und Erschrecken, 2 % beim Trennen von raufenden Hunden und 4 % beim Vorbeifahren am Fahrrad. Die angeführten Studien zeigen daher, dass der Großteil an Hundebissen von bekannten Hunden verursacht werden und dass sich diese am Wohnort zu tragen.6,8,12,13,14

Gesetze wie das der Allgemeinen Leinen und Maulkorbpflicht an öffentlichen Orten, können demnach das Risiko in solchen Fällen nicht mindern, da sie in besagten Situationen nicht zum Tragen kommen.

Rasse als kausaler Faktor?

Nicht weniger kontrovers ist die Debatte um die sogenannten Listenhunde. In Wien unterliegen folgende Rassen und deren Kreuzungen besonderen Auflagen: Staffordshire Bullterrier, Bullterrier, American Staffordshire Terrier, Mastino Napoletano, Mastino Espanol, Fila Brasileiro, Mastiff, Bullmastiff, Tosa Inu, Pitbullterrier, Rottweiler, Dogo Argentino (Argentinischer Mastiff). Hingegen gängiger Rassestigmatisierung von Listenhunden, gibt es auf wissenschaftlicher Ebene bisher keine Studie die Listenhunde als unverhältnismäßig gefährlich einstufen konnte. Rassen die in mehreren Studien stark vertreten waren in ihrer Beteiligung an Beißvorfällen, waren der Deutsche Schäferhund, Mischlinge, Pitbull- artige Hunde, Rottweiler, Jack Russel Terrier, Chow Chow, Spaniel, Collie, Berner Sennenhund, Labrador Retriever und Pudel.15

Generell sind Studien dieser Art oft irreführend und demnach mit Vorsicht zu interpretieren, da sie oftmals entscheidende Faktoren außer Acht lassen, wie z.B. die Popularität einer Rasse und die damit verbundene Populationsgröße. Auch verwenden Sie Sammelbegriffe (Terrier oder Pit Bull Typus), es mangelt ihnen an genauen Definitionen(Aggression vs. Hundebiss) und sie enthalten oftmals auch Verzerrungen in der Berichterstattung.16,17,18

Allerdings haben sämtliche Arbeiten eines überein, sie alle schließen die Hunderasse als alleinigen und entscheidenden Faktor aus. Es ist nicht die Rasse eines Hundes, die entscheidet, ob es zu einem Aggressionsproblem kommt. Hundebisse sind ein Problem, dessen Ursache durch mehrere Faktoren begünstigt werden kann. Faktoren, die sowohl den Hund (Geschlecht, Alter, Sozialisierung, Gesundheit, Erziehung), den Halter (Geschlecht, Alter, Erfahrung, Sozialer Hintergrund) als auch das Opfer (bekannt oder fremd, Alter, Erfahrung) betreffen, spielen eine Rolle. In Bezug auf Besitzer von Listenhunden wurde z.B. festgestellt, dass diese weitaus öfter einen kriminellen Hintergrund aufweisen als Besitzer anderer Rassen.19 Folglich ist nicht auszuschließen, dass in manchen Fällen der entscheidende Faktor der Besitzer ist und nicht die Rasse, wie es allen Anschein nach auf den ersten Blick wirkt.

Des Weiteren ist zu bedenken, dass die Variation innerhalb der einzelnen Rassen so groß ist, dass Experten mittlerweile generell davon abgekommen sind, Rasse als Ursache für Verhaltensweisen wie z.B. Aggressivität zu benutzen.20 Insofern ist es unangebracht, die Rasse eines Hundes als ausschlaggebenden, kausalen Faktor zu sehen.

Folglich sind Präventionsmaßnahmen, die auf dem Verbot bzw. der Einschränkung bestimmter Rassen beruhen, zu hinterfragen.

Konklusion:

Hundebisse können gravierende bis tödliche Verletzungen verursachen und somit ist es verständlich, dass Personen die unmittelbar davon betroffen sind, ein Eingreifen der zuständigen Behörden einfordern.2 Schnelllösungen wie das Verbot von bestimmten Hunderassen (Dangerous Dogs Act 1991, UK) oder eine generelle Maulkorbpflicht für Listenhunden, wie sie zurzeit in Wien debattiert wird, sind bei genauerer Betrachtung der Sachlage allerdings keine effizienten Maßnahmen, trügen Scheinsicherheit vor und kompromittieren erheblich das Wohlergehen der betroffenen Tiere.21

In Wien verpflichten sich Besitzer der sogenannten Listenhunde seit 2010 zur Teilnahme und Absolvierung des Wiener Hundescheins. Seit dessen Einführung senkte sich die Zahl an Beißvorfällen um 57% wobei zu beachten ist, dass über zwei Drittel der Bisse nicht von Listenhunden verursacht wurden.22 Niedersachsen bedient sich eines ähnlichen Models, das allerdings an der Schulung des Halters bereits vor dem Hundekauf ansetzt, für Besitzer jeglicher Hunde gültig ist und somit auf pauschale Rasselisten verzichtet.23

Andere Maßnahmen haben es sich zum Ziel gemacht Personen, die vom Risiko besonders betroffen sind zu schulen und folglich zu schützen. Programme wie das BARK Dog Bite Prevention Program schulen Kinder effizient und erfolgreich in der Fähigkeit Hundeverhalten richtig zu interpretieren und somit richtig im Umgang mit Hunden zu agieren und zu reagieren.24

Implikationen:

Um das Auftreten von Hundebissen erfolgreich zu minimieren bedarf es eines Maßnahmenpakets, das auf eine umfassende und ganzheitliche Bekämpfung der Ursachen abzielt. Dazu gehört die Schulung zukünftiger Hundehalter, verantwortungsvolle Zucht und verantwortungsvolle Abgabe von Tierheimhunden, Sozialisierung von Welpen und Junghunden sowie die Überprüfung von Wesen und Gehorsam von Hunden. Darüber hinaus wäre es förderlich, wenn Kinder und Jugendliche in Kindergarten und Schule als Teil des Schulstoffes in dem sicheren Umgang mit Tieren geschult werden.

Quellenangaben: Gerne lasse ich Ihnen ein genaues Literaturverzeichnis zukommen. Bei Interesse an der zitierten Primärliteratur, kontaktieren Sie mich bitte per Email unter info@safeandsound.at.
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